Ölbergspiele: Ein Brauch aus der Barockzeit

Mechanische Jesus-Figur am 4. und 25. März bei den Gottesdiensten in der Reischacher Pfarrkirche zu sehen

Letzte Handanlegung bei der Ankleidung: Annemarie Stockner befestigt die lachsfarbene Schärpe am Jesus-Gewand.  − Fotos: Buchberger

Reischach. Darauf darf die Pfarrgemeinde stolz sein: Als eine von nur noch ganz wenigen im weiten Umkreis kann die Pfarrkirche St. Martin zur Fastenzeit mit "Ölbergspielen" aufwarten. Die Ursprünge dieser seltenen Aufführung gehen nach der Publikation von Ortsheimatpfleger Alois Stockner im Heimatbuch "Heimat an Rott und Inn" bis in die Barockzeit zurück.

Der Ölberg, eine Erhebung bei Jerusalem, wird im Neuen Testament mehrfach erwähnt: So soll Jesus von hier aus in der Stadt eingezogen und später in den Himmel aufgefahren sein. Früher wurden diese Erzählungen in der Fastenzeit in vielen Kirchen mit einem beweglichen Heiland dargestellt.

Vor allem in der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts versank diese Tradition vielerorts als "nicht mehr zeitgemäß" in der Versenkung. Nicht so in Reischach. Am Samstag fand sich Mesner Martin Nock und ein kleines Helferteam im Gotteshaus ein, um der annähernd lebensgroßen Figur des Heilands – sie misst stehend 165 cm − für das Spiel am kommenden Fastensonntag seine Traditionskleidung anzulegen: Ein violettblaues Gewand mit lachsfarbener Schärpe, darunter zum Schutz ein rosshaargefüttertes Untergewand. Dabei sind nur der Kopf, die Hände und die Füße geschnitzt und − mit einer geringen Ausnahme am Kopf − ganz durchgearbeitet. Alles was vom Gewand bekleidet ist, besteht aus kantigem, hölzernem Glieder- und Rahmenwerk: ein Skelett, bei dem alle Gelenke anatomisch und proportional richtig angeordnet sind. Während die Füße unbeweglich fest auf einem bankähnlichen hölzernen Untergestell aufgedübelt sind und auch die Hände selbst nicht bewegt werden können, kann sich der Kopf etwas nach vorne und nach hinten neigen.

Das Bild am Hochaltar ist weg: Willi Kronthaler (links) und Alois Gartmeier assistieren Martin Nock (auf dem Hochaltar), um den Platz für die Jesus-Figur zu schaffen.

Das "Innere" der Christusfigur zeigt sich bemerkenswert. Kunstvoll gedrechselte Kegel-Zahn- und Klobenräder, hölzerne Hebel, Rollen und Gelenke, Stahlfedern und Schrauben, verschiedene Aufgaben übernehmende Hanfseile, Halterungen und Ösen lassen das Ganze als eine − zumindest für damalige Verhältnisse − kleine "Wundermaschine" erscheinen.

Wer die Holzfigur einst geschaffen hat, weiß auch Alois Stockner nicht mehr zu sagen. Etwas mehr Zeitaufwand als die Ankleidung, die Annemarie Stockner und Dora Werkstetter mit geübten Griffen erledigen, bereitet die Verfrachtung der Holzfigur auf den Hochaltar. Drei kräftiger Männer bedurfte es, das Bild im Hochaltar abzunehmen um der schweren Figur für seinen Auftritt im Zweijahres-Rhythmus im "barocken Schauspiel" Platz zu machen. Mit dem eingebauten hölzernen Flaschenzug und einer Handkurbel wird der Christusfigur "Leben" eingehaucht, etwa beim szenischen "Niederfallen".

Hinter der Kulisse ist es Aufgabe von "Maschinist" Franz Burgstaller, etwa die Arme der Christusfigur in den Ellenbögen auszustrecken oder einzuziehen oder in Gebetshaltung zu bringen. Die Kommandos für seine Einsätze hört der "unsichtbare" Mann hinter dem Vorhang aus dem Gebetsablauf. Für ein reibungsloses Schauspiel muss er mit dem antiquierten Mechanismus allerdings bestens vertraut sein – Kurbel und Schnurzüge erfordern sein ganzes Geschick. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen, sind doch die hohen Fenster des Altarraumes mit schwarzen Tüchern zur Verdunkelung verhängt.

Von all diesen mühevollen Arbeiten vor und hinter den Kulissen bekommt der Besucher der Ölbergandacht am zweiten Fastensonntag, 4. März, ab 14 Uhr allerdings nichts mit, er darf ein seltenes sakrales "Spektakel" bewundern. Eine zweite Andacht findet noch am fünften Fastensonntag, 25. März um 19 Uhr in der Pfarrkirche St. Martin statt. − mbu

 

(ANA vom 28.02.2012)