Pater Kishore: "Hier spricht man meine Muttersprache Telugu!"


Reischacher Geistlicher zeigte 24 Bürgern aus dem Landkreis Altötting seine Heimat Indien – Starke Gegensätze prägen das Land

von Petra Kähsmann



Reischach. "Namaste" – "Verehrung dir" – eine Grußformel, die wir als Indien-Reisende dem siebtgrößten und nach China bevölkerungsreichsten Land der Erde entgegenbringen. Gemeinsam mit Pater Kishore Reddy konnten 24 Landkreisbürger Teile davon erkunden, darunter das Heimatdorf des Reischacher Kaplans, Rayapuram, und vor allem die herzliche Gastfreundschaft erfahren.

Die Gegensätze des Landes sind schnell ersichtlich. Ob Klimazonen, Landschaftsbilder, Reichtum und grenzenlose Armut – ein Europäer hat zu tun, die Eindrücke zu verarbeiten. Bettler, Frauen in bunt leuchtenden Saris, Schlangenbeschwörer, heilige Kühe, Hunde, Affen, Wasserbüffel, Wohnhäuser, die Ruinen gleichen, Paläste, Müll auf den Straßen und Müllkippen, auf denen Menschen leben, prägen die Stadt- und Ortsbilder.

 

Bild links: Auf dem Rücken der Elfanten geht es zum Amber Fort.

 


Chaos im Verkehr – und doch kaum Unfälle

Faszination löst bereits am ersten Tag die Hauptstadt Delhi, mit ihren Kulturdenkmälern und vor allem mit ihrem und im ganzen Land ähnlich aussehenden Straßenverkehr aus. Dieser kommt trotz eines irrsinnigen Aufkommens kaum zum Stillstand. Da werden Ampeln ignoriert und Spuren von mehreren Wagen geteilt – doch die Zahl der Unfälle geht gegen null. Da drängeln sich neben unzähligen Motorrädern, Menschen und Tieren auch kleine gelbe Taxis, die Tuc Tucs.


Unsere Ziele sind der Qutb Komplex und das Grab des Humayuns. Dann gedenken wir am Rajghat Mahatma Gandhi, der Indien den friedvollen Weg in die Unabhängigkeit wies. Nach seiner Ermordung wurde er eingeäschert, seine Asche im heiligen Fluss Ganges verstreut. An der Stelle, an der seine sterblichen Überreste 1948 verbrannten, wurde das Denkmal mit einer schlichten schwarzen Marmorplatte mit ewiger Flamme errichtet.

Mit einem Höhepunkt wartet Agra auf. Das Grabmal einer großen Liebe, das Taj Mahal, imponiert durch strahlend weißen Marmor, Einlegearbeiten und der verblüffenden Symmetrie. Ebenfalls am heiligen Fluss Yamuna liegt das Rote Fort, wie das Taj Mahal seit 1983 Denkmal des UNESCO-Weltkulturerbes. Auf dem Weg nach Jaipur machen wir Station in Fatehpur Sikri, von 1571 bis 1585 Hauptstadt des Mongulreiches, die bereits damals etwa 30 000 Einwohner zählte. Die Stadt wurde wahrscheinlich wegen Wassermangels aufgegeben.


Bild rechts: Von der Siva Parvathi Statue gekrönt: Der Kalasagiri Berg Visakhapatnam.

 


Nun "entern" wir den Bundesstaat Rajasthan. Nächstes Ziel ist Jaipur, bekannt durch den "Palast der Winde", lediglich eine Fassade, die den Frauen sozusagen als "Sperrsitz" bei Festen und Umzügen diente. Auch wenn es in Indien offiziell keinen Maharadscha mehr gibt, in dem großen Stadtpalast wohnt der jetzige Maharadscha Jaipurs – gerade mal 17 Jahre alt. Im Observatorium bestaunen wir unter anderem die weltgrößte und bis auf zwei Sekunden genaue Sonnenuhr. Spaß bringt der Ritt auf den Elefanten, mit denen wir den Hügel nach Amber Fort erklimmen. Unter den vielen Hallen und Tempeln sticht hier der Spiegelsaal wie ein "ungeschliffener Diamant" ins Auge.

 

Bild links: Monumentales Tor: Das Charminar in Hyderabat.

 



Nach nur zwei Stunden Flug ändert sich die Welt für uns ein weiteres Mal: In Hyderabad, der viertgrößten Stadt des Landes im Heimatbundesstaat (Andhra Pradesh) unseres Begleiters Pater Kishore gelegen. Er verkündet: "Hier spricht man meine Muttersprache Telugu!" Im Bus empfangen uns mit Blumenkränzen und -Sträußen seine Schwester Manju und sein Schwager Kishore, beide Lehrer.

 

Bild rechts: Ein überaus herzlicher Empfang wurde den Besuchern aus dem Landkreis im Heimatdorf von Pater Kishore zuteil. Fotos: pk


Die Temperaturen steigen von um zehn Grad Celsius (Delhi) auf 28 Grad. Was uns an Gastfreundschaft erwartet, ist kaum in Worte zu kleiden. Als wir die Schule und den Kindergarten im Provinzialat "Hl. Franz von Sales" besichtigen wollen, ist bereits ein umfangreiches Buffet aufgebaut, die Patres bewirten uns königlich. Im Kindergarten drücken wir kurz selbst die Schulbank und sind erstaunt, ob des ausgefeilten Lehrplans. In der Kirche werden wir nach dem Gottesdienst, den der örtliche Pfarrer Pater Peter (Chinnapa Reddy) in Konzelebration mit Pater Kishore hält, alle mit Schal und einem Geschenk geehrt. Die Messe ist überragend besucht – Religionsfreiheit existiert in Indien nicht nur auf dem Papier. An den Straßen stehen neben Hindutempeln sowohl christliche Kirchen als auch Moscheen. Der Geburtstag Mohammeds wird am 12./13. Januar beispielsweise mit großen Umzügen und Kundgebungen gefeiert.



Mit Blumen geschmückt: Der Einzug ins Dorf


Den Heimatort von Pater Kishore können wir nur mit dem einheimischen Schulbus erreichen. 20 Häuser liegen inmitten von Baumwollfeldern, die Bewohner leben allesamt von diesem Anbau. Die Überraschung steht uns im Gesicht geschrieben, als der Bus einige Meter vor dem Dorf hält. Die Bewohner kommen uns mit einer Schüler-Trommelgruppe entgegen mitten im Geschehen auch Pater Kishores Oma, seine Mama wartet vor der Haustüre. Wir werden mit Blumenkränzen geschmückt, die Prozession zieht im Dorf ein. In der Kirche wird für uns gesungen und getanzt, wir bekommen bunte Schals, werden in die Häuser zu Kaffee und Tee geladen.

 

Die Salesianer des Hl. Franz, denen Pater Kishore angehört, widmen sich neben der Mission und der Arbeit in der Pfarrei voranging der Kindererziehung. In Andhra Pradesh betreuen sie 20 Schulen mit über 30 000 Schülern, einige davon besuchen wir noch.

Aber die Sehenswürdigkeiten bleiben nicht auf der Strecke. Eine ausgiebige Stadtführung durch Hyderabad zeigt uns unter anderem dessen Wahrzeichen, das Charminar und den Usman Sagar-See, einen von Menschenhand geschaffenen See, in dessen Mitte ein großer Buddha steht. Und: den Golconda-Palast nahe der großen Stadt.

Letzte Station ist die eine knappe Flugstunde entfernte große Hafenstadt Visakhapatnam, kurz Vizag. Ihre unglaublich langen Sandstränden müssen erst noch für den Tourismus erschlossen werden. Auch hier werden wir in Schulen und Ordenshäusern willkommen geheißen. Recht weltlich geht es auf dem Fischmarkt zu und der Tagesausflug nach Araku Valley lässt uns nicht nur eine große Tropfsteinhöhle erkunden, sondern zeigt uns in den Bergen auch die Vielfalt der Flora: Kaffee, Pfeffer, Reis, tropische Früchte und Bäume säumen die Wege.

Indien, das Land der Gegensätze, hat uns alle in seinen Bann gezogen und seine Menschen behalten wir in guter Erinnerung.

 

(ANA vom 23.01.2014)